Von Philipp Holstein

Diese Bilder dokumentieren einen magischen Augenblick. Sie zeigen Kinder, die sich bewusst werden, dass sie nicht mehr klein sind, sondern bald erwachsen; dass sie das Paradies verlassen und hinaustreten müssen, um Verantwortung zu übernehmen für die Gesellschaft. Wer diese Fotoarbeiten betrachtet, wird gut nachvollziehen können, was da gerade passiert, was hinter den jungen und zumeist melancholisch blickenden Augen vor sich geht. Denn das ist ja das Wunderbare an dem Moment, um den es hier geht: Er wirkt ein Leben lang nach.

Die Galerie Voss in Düsseldorf zeigt Fotografien von Iwajla Klinke. Die Berliner Künstlerin ist 37 Jahre alt, sie arbeitete einige Zeit als Filmemacherin, und vor sieben Jahren begann sie zu fotografieren. Für ihre Reihe “Ritual Moments” besuchte sie Kinder und Jugendliche, die an die Traditionen und Bräuche ihrer Heimatorte, ihrer Familien oder Stämme herangeführt werden. Sie fuhr in die Lausitz und traf fünfjährige Mädchen, die nach sorbischem Ritual wie Königinnen des 18. Jahrhunderts eingekleidet werden, weil das vor der Einschulung seit Jahrhunderten so gemacht wird. Klinke begegnete Jungen bei der Kirchweih im rumänischen Banat und der Blütenkönigin im Alten Land bei Hamburg. Sie fotografierte Kadetten einer Militärakademie in Kanada, deren Uniformen noch so steif sind, dass sie vom Körper abstehen, und zwei Brüder vor dem Fechtunterricht in Berlin.

Klinke bereitet sich auf ihre Reisen lange vor, sie verbringt einige Tage an den jeweiligen Orten, versucht, Anschluss an die Gemeinschaft dort zu bekommen, bevor sie fotografiert. Oft hat sie für die Aufnahmen nur wenig Zeit. Sie spannt in Umkleideräumen, Foyers von Rathäusern oder Turnhallen ein schwarzes Tuch auf, bittet die Kinder, sich davor zu stellen und so zu gucken, wie es ihnen angenehm ist. Dann drückt sie auf den Auslöser ihrer digitalen Spiegelreflexkamera. Sie bearbeitet die Bilder nachträglich nicht mehr.

Die Kraft der bis zu 1,60 Meter großen Arbeiten ist enorm. Die Kinder wirken beklommen, als seien sie gerade aus dem Dunkel getreten. Ihr Blick richtet sich zumeist zur Seite, ins Unbestimmte; dahin, wo die eigenen Erwartungen und Wünsche auf die Zuschreibungen der anderen treffen. Sie scheinen zu ahnen, dass sie nun ihren Platz finden müssen. Es könnte sein, dass sie sogar zum ersten Mal darüber nachdenken, wer sie sind und was sie werden. Man sieht ihnen dabei zu, wie sie in ihre Rolle wachsen, wie sie Tradition fortführen. Und wenn man sich daran erinnert, wie das damals bei einem selbst war, als sich ähnliche Einsichten eröffneten, ahnt man, dass diesen Kindern die Lider schwer werden, dass ein Druck auf ihren Mägen lastet, obwohl sie heute noch gar nichts gegessen haben.

Die Ergriffenheit der Kinder überträgt sich auf den Betrachter. Und das Schöne an den Bildern ist, dass sie knapp über der Gegenwart schweben, dass man ihnen kein Jahr zuschreiben mag und im Grunde auch keinen Ort, sondern nur diese Erfahrung, die allgemein ist. Klinke ließ sich für die Serie von der Porträtmalerei der Renaissance und von Postkarten aus der Anfangszeit der Fotografie inspirieren. Sie arbeitete mit Tageslicht, und sie achtete beim Aufbau des Sets darauf, dass das Licht möglichst von der Seite einfällt und Details zur Geltung bringt, die man ansonsten möglicherweise übersehen könnte.

Man verlässt die Galerieräume wehmütig. Man wünscht den Kindern, dass sie nicht hinter ihren Pflichten verschwinden mögen. Dass sie werden können, wer sie sind. Was sie erleben, ist sentimentale Geschichtsschreibung.

RP Online
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