Iwajla Klinkes Modelle verkleiden sich nicht. Vielmehr sind sie gekleidet in rituelle Gewänder, deren zeremonielle Ursprünge heute vielfach nicht mehr genau zu bestimmen sind. Rituelle – meist religiöse – Traditionen sind der Künstlerin maßgeblich und sie reist, um diese zu finden, durchaus quer durch die Welt. Eine Auswahl ihrer ungewöhnlichen Portraits ist in der Düsseldorfer Galerie Voss zu sehen.

Es sind die in der Volksseele verwurzelten, gelebten Bräuche, die Klinke faszinieren. Das Mythologische, das Feierliche, das Zelebrieren von Ritualen als Teil eines uralten Festes lässt sie nach beispielsweise Süditalien, Rumänien, England, aber auch in die Lausitz reisen. Zu ihrer mobilen Atelierausstattung gehört ein dunkles Tuch, das sie als Hintergrund bestimmt. Denn oft hat sie nur wenig Zeit, ihre ausstaffierten Protagonisten zu fotografieren.

Auratisch So portraitiert sie ihre Modelle, meist Kinder und Jugendliche, ohne weitere schmückende Arrangements. Was ihr letztendlich lichtbildnerisch darzustellen gelingt, ist über das Abbild hinaus das Auratische des rituell bekleideten Kindes, das sich bereits geistig in einem würdevollen Moment einer religiösen Feierlichkeit befindet.

David Galloway schreibt über Iwajla Klinke: „Mit einer Besetzung schillernder Charaktere, die jeder Repertoirebühne gerecht wären, füllt Iwajla Klinke die Fotografie mit der Magie und Eleganz ihrer frühen Jahre, in denen eines der fundamentalen Ziele das Dokumentieren und Zelebrieren ritueller Momente im Leben eines Individuums war […] Diese Studien sind alle auf eine traditionelle Art und Weise dargestellt, die manchmal an die Konventionen des gemalten Porträts erinnert […] Die elegante Gelassenheit dieser Kompositionen lässt die komplizierten Umstände kaum ahnen, die ihre Produktion in abgelegenen Dörfern in den Karpaten oder im deutschen Schwarzwald begleiten.

Für ein einziges Motiv in ihrer eigenen ‘Settimana- Santa’- Serie reiste Iwajla Klinke einst 20 Stunden lang mit dem Bus, um eine kleine Gemeinde in Sizilien am Ostermorgen zu erreichen. Als sie ihr junges Sujet ausfindig machte, blieb weniger als eine Minute bis zum Beginn der Messe – genug Zeit allerdings, um ein einfaches Tuch an eine Sakristeitür zu befestigen und den als Engel verkleideten Jungen zu fotografieren.“

Sieg über den Tod Und weiter: „Bei dem Versuch Klinkes vielschichtiges Oeuvre zu entziffern, ist es interessant zu wissen, dass sie in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen ist, wohin die Familie ihrer Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg zog in der Hoffnung, einen Traum zu verwirklichen. Ihr Vater, ein bulgarischer Opernsänger, starb, als Iwajla erst sechs Jahre alt war. ‘Ich hatte keine religiöse Erziehung,’ erzählt Klinke, ‘war aber von religiösen Ritualen fasziniert – vor allem, wenn es um Kinder ging. Diese haben stets etwas mit dem Sieg über den Tod zu tun und sind häufig von Fruchtbarkeitssymbolen wie der Krone begleitet.’“

Körperbemalung Klinke folgt in ihrem Stil durchaus einer frühen fotografischen Bildnispräsentation. Die Serie dreier Jugendlicher, die in ovalem, respektive rundem, Bildausschnitt gezeigt werden, beeindruckt auch mit diesen altmodisch anmutenden Formaten. Die Körper der abgebildeten jungen Männer sind mit einem traditionellen Porzellanmuster, einem blau-weißen „Musselmalet“- Muster aus dem 18. Jahrhundert der Royal Copenhagen Porzellanmanufaktur bemalt. Klinke, die sich fasziniert von Ganzkörpertätowierungen zeigt, sieht darin gleichzeitig eine Erinnerung an Stammeskulturen, wo Körperbemalung die Riten des Erwachsenwerdens, der Jagd und des Krieges häufig begleiten.

Rheinische Art
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